Hannover-Marathon am 14. Mai 2000:

LogoNachdem mein Freund Til im vergangenen Jahr (1999) in Hamburg sein Marathon-Debüt "gefeiert" hatte, wollte sich nun auch mein langjähriger Freund und Studienkollege in der Langstrecke versuchen. Da seine Eltern in Großburgwedel bei Hannover wohnen, lag es nahe, als Frühjahrmarathon eben diesen zu wählen.

Am 12. Mai reisten wir von Aachen aus an und widmeten uns am 13. April dem üblichen Marathon-Programm: Marathon-Messe, Abholen der Startunterlagen und natürlich die Nudelparty. Die waren zwar nicht die Besten, aber gemütlich war es zumindest. Auch für eine kurze "Streckenbesichtigung" bleibt noch Zeit: wir machen unter anderem am Maschsee halt und besuchen auch kurz die Herrenhäuser Gärten.

Den Abend nutzen wir für einen Ausflug in die Stadt und fanden dann auch noch eine gemütliche Kneipe, in der nicht der Teufel los war. Just an diesem Abend lief nämlich live die Eurovisionsentscheidung mit einem bekannten deutschen Starter: Stefan Raab! Aber letztlich konnten wir unser Bier doch noch in Ruhe genießen. Wenn's auch nur alk-freies ist.

Streckenplan14.Mai: Wir sind zeitig auf den Beinen, frühstücken, packen unsere Sachen und werden von Marion, Torstens Frau, in die Stadt gebracht. Dort ist der Verkehr dann allerdings so dicht, dass wir uns entschließen, die letzten Schritte zu Fuß zu gehen. Bei der Gelegenheit können wir uns auch gleich schon mal warmlaufen. Die Bedingungen an diesem Morgen waren augenscheinlich gut, für mich jedoch waren die Randbedingungen eher schlecht: die letzten Wochen hatte ich mit einer Entzündung meiner Bauchspeicheldrüse zu tun und musste viel Antibiotika nehmen. Mein Körper war noch geschwächt und zudem hatte ich an diesem Morgen müde Beine, das spürte ich vor dem Start schon. Dazu kamen die zu erwartenden hohen Temperaturen. Na, man wird sehen, wie es läuft!

Die Stimmung vor dem Start ist gut und bekannte Läufer sind auch am Start: Tendai Chimusasa und Stefan Freigang stehen ganz vorne. Zeitgleich startet auch das größere Feld der Halbmarathon-Läufer. Sie laufen die gleiche Strecke wie wir, wir aber eben zweimal:
nach dem Start geht es zunächst durch die Stadt Richtung Süden zur "blauen Lunge" der Stadt - dem Maschsee. Der wird dann in einer großen Runde umlaufen, bevor man wieder durch die Stadt läuft.Startschuss!
In mehreren Schleifen geht es durch den Häuser-Dschungel, bevor es wiederum die Natur geht: in die Eilenriede, sozusagen die "grüne Lunge" der Stadt. Die einzige Gegend, wo es durch die Bäume auch mal erholsamen Schatten gibt. Von dort geht es dann zurück zur Kongresshalle am Start- und Zielgelände und ab in die zweite Runde.

Um 10 Uhr fällt der Startschuss. Zu dritt suchen wir uns unseren Weg durch das dichte Läufergedränge. Torsten allerdings, der zum ersten Mal gut 42 Kilometer vor sich hat, lässt schon bald etwas abreißen - eine kluge Entscheidung, auf sein Körpergefühl zu hören und sich nicht um jeden Preis an anderen zu orientieren. Til und ich finden rasch ein gleichmäßiges Tempo, was aber schneller auch nicht sein darf. Til will zwar, so mein Gefühl, lieber noch etwas schneller, aber ich weiß, dass sich ein zu hohes Tempo später rächen kann.

Die Temperatur steigt indes gnadenlos an und schon bald wird es richtig ordentlich warm. Am MaschseeMaschsee ist es dann aber etwas angenehmer als in der Stadt, wo die Sonne ungeschützt hernieder brennt. Auch optisch ist dieser Streckenabschnitt sehr schön und kurzweilig. Schließlich sind wir wieder auf den Weg durch die Stadt, die Sonne brennt inzwischen. Dazu noch die völlig lustlosen Zuschauer, die eher ungläubig als begeistert auf die Läufer starren. Ein jämmerlicher Haufen an der Strecke!

In der Eilenriede wird es dann etwas schattiger und angenehmer, warm ist es dennoch. Irgendwo bei Kilometer 18 sagt mir Til, dass er es doch gerne etwas schneller versuchen möchte. Wir wünschen uns noch alles Gute und weg ist er. Er scheint recht gut in Form!
Nach etwa 1:50 Stunden biege ich auf die Zielgerade ein und habe bald die Halbmarathondistanz geschafft - für die meisten LäuferInnen ist hier Schluss! Im Zielgelände sehe ich noch, wie sich Sanitäter über einen Läufer beugen und offensichtlich eine Herzlungenmassage anwenden. Am nächsten Tag wird in der Zeitung zu lesen sein, dass ein Läufer erfolgreich wiederbelebt wurde und ein weiterer Läufer ebenfalls in Krankenhaus musste.

Zu Beginn der zweiten Runde wird mir sofort klar, dass das noch eine Riesenschinderei für mich wird. Sei's drum - die zweiten 21,1 Kilometer liegen vor mir. Und es wurde eine einzige große Quälerei für mich. Kilometerschild um Kilometerschild ziehe ich mich durch die Strecke, spüre nur noch die Müdigkeit in den Beinen und sie brennende Sonne von oben. Das Feld ist inzwischen deutlich ausgedünnt - Wasserstelledie meisten, die Halbmarathonläufer, sind im Ziel. Das macht die Motivation nochmals schwieriger, denn es wird schwieriger, sich anderen Laufgruppen mit ähnlichem Tempo anzuschließen. Und dann die Wasserstellen: die Wasserbecher werden hier nicht einfach aus großen Wassereimern geschöpft, sondern aus Wassergallonen gezapft. Das dauert, verursacht Staus und geht an die Nerven.ein Marathon ist kein Schönheitskontest!

Irgendwann kommt der Punkt, wo mir die Zeit nahezu egal ist. Nur noch ankommen, das zählt. Gut, unter vier Stunden, soll es schon sein, aber das Ziel ist nach wie vor recht ungefährdet zu schaffen. Hinter dem Maschsee, in der Stadt, sehe ich in einer ganz engen Kehre plötzlich Til auf der anderen Straßenseite. Er hat die Kehre bereits hinter sich und ruft mir irgendetwas zu, was ich nicht so recht verstehen kann. Ich rufe etwas zurück und weg ist er wieder. Schön, ihn noch mal gesehen zu haben. Was folgt ist ein qualvoller Lauf durch die hitzegeladene Stadt. Hier und da stehen bekannte Gesichter: Marion und ihre Eltern, die mich prima anfeuern. Das hilft in dieser schweren Phase doch wenigstens etwas.

Irgendwann lasse ich die Eilenriede ein zweites hinter mir und nehme die letzten Kilometer in Angriff. Torstens Bruder Jens muss mich hier irgendwo gesehen haben und berichtet später von meinem erschöpften Gesichtsausdruck. Aber ein Marathon ist nun mal kein Schönheits-Kontest. Und dieser hier schon gar nicht!

Am Ende einer langen Geraden sehe ich Marion und weiß, das mich die nächste Rechtskurve auf die Zielgerade Das Ziel!bringt. Letzte Reserven werden plötzlich wach und ich kann noch mal etwas anziehen. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich so gerade meine bisherige Bestzeit vom Hamburg-Marathon ´99 unterbieten kann. Hier, im Zielbereich, wieder mehr Zuschauer. Die letzten Meter und nach 3:52:09 h bleibt meine Uhr stehen. Das meine Hamburg-Zeit um ganze 22 Sekunden unterboten ist, kann mir jetzt keine Freude abringen. Ich bin an meiner heutigen Leistungsgrenze angelangt und nur noch froh, dass die Qual ein Ende hat.

wenige Meter trennen mich noch vom langersehnten Zieltor! - Die Qual hat ein Ende.

Til ist schnell gefunden. Er hat das Ziel nach etwa 3:44 h erreicht und damit für die äußeren Umstände eine echt gute Zeit hingelegt. Nachdem der allerschlimmste Durst gelöscht ist, gehe ich zu Marion und kann schließlich Torsten bei seinem ersten Marathon-Finish empfangen. Er sieht erstaunlich gut aus, als er nach 4:14 h das Zieltor durchläuft. Hat sich offenbar die Kräfte vernünftig eingeteilt.

Nachdem wir alle den ersten Durst gestillt haben, gibt's noch die obligatorischen Finisher-Fotos. Nachdem wir uns mit Bier und Essen gestärkt haben, geht's dann zurück nach Burgwedel. Das war er also, der zehnte Energie-Hannover-Marathon. Ne heiße Sache!

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