Berlin-Marathon am 10. September 2000:
Am 10. September 2000 bin ich in Berlin meinen vierten Marathon gelaufen. Gemeinsam mit meinem Freund Til, der seinen dritten Lauf über die 42,195 Kilometer bestritt. Natürlich gehört zu einem zünftigen Marathon auch ein wenig Sightseeing und das Marathon-Programm incl. Pasta-Party, Frühstückslauf und Sportmesse. Alles festgehalten in diesem Tagebuch und einer Diashow, zu der man hier gelangt!
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Freitag,
der 8. September
Samstag,
der 9. September
Sonntag,
der 10. September
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Nachdem
Til und ich bereits gestern am späten Abend per ICE aus Köln angereist
waren, hatten wir heute den vollen Tag für Sightseeing und das Abholen
der Startunterlagen zur Verfügung. Ausgeschlafen und mit Frühstück
versehen machen wir uns auf in die Stadt. Unter anderem gilt es, die Startunterlagen
für das große Event abzuholen. Die Startnummer also, die es gemeinsam
mit einigen Kleinigkeiten im Kleiderbeutel gibt. Ein Gang über die Marathonmesse,
dann sind wir wieder weg. Das Sightseeing kommt natürlich auch nicht zu
kurz, denn Berlin kenne ich bislang als Stadt noch gar nicht. Wir fahren zum
Wittenbergplatz, in dessen Nähe sich übermorgen das Zielgelände
befinden wird. Für den Fall, dass wir nicht gemeinsam ins Ziel laufen,
machen wir hier einen Treffpunkt aus. Wir schlendern zur Gedächtniskirche
und suchen den Nike-Center auf: auf der Messe bekamen wir einen Gutschein für
ein Nike-T-Shirt, und tatsächlich: wir haben Erfolg, bekommen eins.
Auch das Brandenburger
Tor möchte ich natürlich sehen, zumal wir ja am Sonntag nur kurz das
Tor passieren werden. Also mit der S-Bahn auf zum Brandenburger
Tor, dass wir uns ebenso anschauen wie den Reichstag.
Wieder in der WG haben wir noch etwas Zeit zur Muße, bevor wir abends nochmal in die Sadt fahren und eine nette Kneipe ausmachen. Irgendwie vergessen wir über Bier und unseren Gesprächen etwas die Zeit und sind dann bei der Rückfahrt auf die Stadtbusse angewiesen. Zum Glück fahren die die ganze Nacht hindurch, so dass wir dann auch noch ein paar Stunden Schlaf kriegen... Das war also mein erster Tag in Berlin - eine beeindruckende, lebhafte und bunte Stadt. Obwohl ich kein Großstadtmensch bin, bin ich wirklich begeistert!
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Zeitig aufstehen heisst es heute - der Frühstückslauf steht an! - Etwa sechs lockere Kilometer vom Schloß Charlottenburg zum Olympiastadion! Und mit etwa 12.000 Läufern war der Frühstückslauf nach Berlin-, Hamburg- und Köln-Marathon die viertgrößte Laufveranstaltung in jenem Jahr! Etwas blöd nur, dass sich Til und Freundin Luzia nicht ganz einig werden, welche S-Bahn denn nun die schnellste Richtung Charlottenburger Schloß ist. Na macht nichts, wir kommen etwas zu spät, sehen dafür aber einem beeindruckenden Lindwurm aus Läufern hinterher - überall joggende Menschen!!! Ein beeindruckendes Bild. Gemütlich hängen wir uns hintendran und bei schönstem Berliner Wetter drehen wir unsere Runde durch die Stadt. Marathonstimmung kommt auf und Til und ich freuen uns auf den morgigen Tag!
Irgendwann rückt dann auch das Olympiastadion in Sichtweite, ein beeindruckendes, weil großes und geschichtsträchtiges Bauwerk. Direkt vor der Kulisse des Stadions haben die Organisatoren eine lange Reihe von Ständen aufgebaut, wo man mit Bananen, Äpfeln, Joghurts, Milchbrötchen, Kaffee, Müsliriegeln und allerlei anderem versorgt wird. Schade nur, dass viele "Sportler" hier die Evolution rückgängig machen und zum Tier werden: gleich palettenweise werden die Joghurts weggeschleppt mit der Begründung, man nehme gleich für die wartenden Freunde mit. So sind denn auch die Milchtüten "vergriffen", bevor Luzia, Til und ich zulangen können. Dennoch, die Stimmung unter den vielen Menschen schafft ein Kribbeln im Körper, das den Ärger rasch vergessen lässt.
Nachdem wir uns gestärkt und ein wenig geruht haben, fahren wir per S-Bahn uzrück ins Luzias WG nach Kreuzberg. Aber schon bald mache ich mich nochmal "auf die Socken": die Pastaparty ruft. Til verzichtet, hat er doch Luzia lange nicht gesehen - da hat er von ein paar Stunden Zweisamkeit mehr als von einer Portion Pasta, kann ich verstehen! Allein fahre ich also zum Messegelände und schlendere über die Marathonmesse - heute kein Vergleich zu gestern. Heute überall Menschenschlangen, wo gestern noch nichts los war. Egal, ob bei den Startunterlagen oder beim Leihstand für den Champion-Chip. Auch in der Halle, wo die Pasta-Party stattfindet, ist der Bär los. Eine Bühne, auf der Programm gemacht wird, jede Menge Marathonis. An der Essensausgabe gibts Ravioli - recht lecker sogar und auch reichlich. Marathonstimmung kommt wieder schlagartig auf! Mit abermals gefülltem Magen geht´s langsam wieder zurück ins Quartier.
Den Rest des Tages nutzen
wir dann zum ausruhen und einen Ausflug zum Potsdamer Platz, der seit seiner
Fertigstellung auch wieder ein richtiges Highlight in Berlin ist. Allein das
kühne Dach
des Sony-Centers ist atemberaubend und verschlägt auch dem gerade frisch
gebackenen Bauingenieur Til die Sprache. Abends fällt natürlich die
Kneipentour aus - ich will zeitig ins Bett, morgen heißt es, ausgeruht
zu sein...
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Wettkampftag!
Also muss erst mal ein vernünftiges Frühstück her. Bei mir hat
sich da ein leichtes Frühstück, bestehend aus Brötchen, Marmelade
und Butter bewährt. Kaffee ist vielleicht weniger ratsam und auch Milch
liegt eher schwer im Magen. Am besten Wasser, Saft oder Früchtetee. Nach
dem Frühstück machen wir uns also fertig - Chip an den Schuh, Startnummer
ans Shirt, diverse Reibungsstellen eingefettet, Brustwarzen abgeklebt. Mit der
S-Bahn fahren wir zum Start: was für ein unglaubliches Gedränge in
der Bahn. An jeder Haltestelle neue Läufermassen, die hinein wollen. Auch
das gehört inzwischen für mich zum Feeling eines großen City-Marathons.
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Am Start dann gleich "echtes" Marathon-Feeling: Tausende Läufer versammeln sich allmählich, Musik spielt, das "offizielle" Stretchingprogramm läuft. Wir geben unsere Kleiderbeutel ab, laufen ein wenig warm, stretchen. Nachdem wir sogar noch eine freie Toilette gefunden haben kann es dann auch losgehen! Mit am Start übrigens auch Außenminister Joschka Fischer. Pünktlich gegen 9 Uhr fällt der Startschuss - es geht los. Naja, am Anfang tatsächlich "geht" es erst los. Es dauert etwas, bis sich der gewaltige Lindwurm der LäuferInnen in Bewegung setzt. Als Til und ich die Startlinie überqueren und auch unsere Chips ein "Piep" abgeben, hat der Lauf für uns offiziell begonnen und die Läuferschlange sich zumindest soweit entzerrt, das man von laufen reden kann. Das Wetter zeigt sich bei bedecktem Himmel trocken - geradezu optimal!
Die ersten hundert Meter
wird man vom Jubel der Zuschauer vereinnahmt, die einen auf die Strecke schicken,
kurz darauf die ersten touristischen Highlights: die Siegessäule
mit der Goldelse nach gut einem Kilometer, das Brandenburger
Tor bereits in Sicht, das wir dann nach gut drei Kilometern passieren. Ein
schönes Gefühl! Schlag auf Schlag geht es, während wir "Unter
den Linden" passieren: das Hotel Adlon, ein Prunkbau nach dem anderen,
bei Kilometer 5 etwa dann der prächtige Berliner
Dom, wenig später der Fernsehturm.
Doch eines macht mir bereits am Anfang Sorge: Til bleibt meist direkt hinter
mit, läuft nicht neben mir. Er hat in der Marathonvorbereitung oftmals
Knieschmerzen gehabt, jetzt ist wohl noch alles okay, trotzdem hat er so wahrscheinlich
eine bessere Rennkontrolle als neben mir. Wir laufen mit sehr gleichmäßigem
Tempo durch die Berliner Straßen, genießen die Stimmung an der Strecke,
die klatschenden Zuschauer. Noch läuft alles rund und wunderbar, auch Til
hat noch keine Probleme. Nach etwa 70 Minuten erreichen wir bei ungefähr
Kilometer 13 den Potsdamer
Platz, der nun wieder als weiteres Streckenhighlight in die Strecke integriert
worden ist. Die 5km-Splits auf den ersten 20 Kilometern sind mit 26:30 - 25:52
- 25:52 und 25:58 min. sehr gleichmäßig: beinahe schon ein Garant
für eine gute Endzeit.
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An der Gneisenaustraße, wenig hinter dem Halbmarathonpunkt, den wir nach 1:49:40 Std. passieren, sind wir mit einer Mitbewohnerin von Luzias WG sozusagen zum Fototermin verabredet. Luzia kann ja leider nicht mit an der Strecke sein, aber so haben wir wenigstens jemanden, der Fotos macht. Tatsächlich finden wir uns in etwa am ausgemachten Kilometerpunkt. Da wir erst im letzten Moment entdeckt werden, ist Til prima auf dem Foto zu sehen, von mir nur der Ärmel des T-Shirts. Was solls, also weiter... Til klagt indes allerdings über zunehmende Schmerzen im Knie. Sein Problem, das ihn schon bei so manchem Trainigslauf genervt hatte, scheint sich bemerkbar zu machen. Trotzdem können wir unser Tempo in etwa halten, laufen die nächsten fünf Kilometer bis zum km-Punkt 25 in 26:11 min., während wir durch Schöneberg laufen und Kurs Richtung Steglitz nehmen. Ganz allmählich macht sich Ermüdung breit in unseren Beinen, wir werden etwas langsamer. Til klagt nicht laut, aber ich kann mir denken, das er noch mehr als ich zu kämpfen hat. Am Verpflegungspunkt an der Schloßstraße, bei Kilometer 30, verlieren wir uns im Gewirre der Läufer, ich sehe Til nicht mehr. So muss jeder für sich sehen, wie er die letzten 12 Kilometer übersteht. Später erzählt er mir, wie groß die Qual und die Schmerzen waren bis ins Ziel. Zwölf entsetzlich lange Kilometer, für die er trotz größter Anstrengung dann letztlich eine Viertelstunde länger brauchte als ich!!! Aber davon weiß ich zu diesem Zeitpunkt nichts.
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Mit etwa 5:30 min./km laufe
ich dem Wilden Eber entgegen - der Anstieg dorthin soll die schlimmste Stelle
der Strecke sein: ein nur kleiner Anstieg, aber eben zu einem späten Zeitpunkt
im Rennverlauf. Doch ich spüre von alldem nichts, leichter als Gedacht
"erklimme" ich den höchsten Punkt der Strecke und lasse mich
von den Zuschauern, die hier wieder enorm zahlreich klatschen, rufen oder einfach
nur lärmen, in den nächsten Kilometer tragen. Der "Wilde Eber"
bei etwa Kilometer 36 liegt hinter mir und so wild wie gedacht war er nicht.
Das Wetter jedoch ist indes längst viel wärmer geworden - die Wolken
haben sich verzogen und die Sonne lacht. Da ist es schon ganz angenehm, wenn
die Feuerwehr mal den Wasserschlauch auf die Straße hält.
Nach 3:32 Stunden
erreiche ich den Punkt, den alle Marathonläufer herbei sehnen - das Kilometerschild
40! Ab hier kann nichts mehr schiefgehen. DIe letzten 2195 Meter werden für
mich zu einem Freudenlauf: ich genieße die Atmosphäre in vollen Zügen,
weiß, dass ich meine bisherige Bestzeit, meine 3:52:09 vom Mai diesen
Jahres (der Hitzelauf in Hannover)
locker unterbiete. Dann bei ungefähr Kilometer 40,5 die Rechtskurve, die
auf den Kurfürstendamm einleitet - die lange Gerade ins Ziel! Das Zuschauer
jubeln, als wenn gerade die Spitze durchläuft, ein Wahnsinn. Ich kann nochmal
Tempo zusetzen, hole alles raus, was an Kraftreserven da ist. Plötzlich
ein Anfall männlicher Läufereitelkeit - mir fällt ein, dass Til
die derzeitige Bestzeit unserer "Marathonrunde", bestehend aus Til,
Torsten und mir, aufrecht hält: seine 3:44er-Zeit aus Hannover. Bloß
wieviel über 3:44? Keine Ahnung, aber ich gebe nochmal richtig Gas, treibe
meinen Puls an den Anschlag. Ich das peinlich, das ich es jetzt noch so darauf
anlege, die Bestzeit meines Freundes zu schlagen. Scheiß drauf!
Nach
exakt 3:43:56 Stunden bin ich erlöst, kann auslaufen, stehen. Nachdem mein
Puls sich ein wenig beruhigt hat überkommen mich die Gefühle - ich
weine. Marathonlauf ist für mich wie sicher für viele andere auch
eine Achterbahn der Gefühle. Euphorie am Start, Spaß am Lauf während
der ersten langen Wegetappe, dann allmählich einsetzende Müdigkeit,
die den Lauf später zur Qual werden lässt, wenn man sich fragt, wozu
man das gerade macht. Dann die wachsende Freude, wenn die nahende Zielankunft
zur Gewissheit wird und schließlich das überlaufen der Ziellinie.
Ich lasse mich treiben, durch meine Gefühle, durch die endlose Läuferschlange,
vorbei an den Medaillen, die umgehängt werden, an Plastikfolien gegen Ausjühlung,
an Verpflegungsständen, bishin zu den Massagebänke, wo man sich von
angehenden Masseuren seine müden Glieder (Beine) durchkneten lassen kann.
Natürlich vor jeder Bank eine Schlange, aber ich hab gerade nichts Besseres
vor. Ich suche mir also eine Bank mit einer hübschen Masseuse und warte
geduldig, bis ich dran bin... :-) Als ich dann da so liege, von den Wartenden
angegafft werde und mich mit meiner "Physiotherapeutin" unterhalte
stellt sich doch ein angenehmes Gefühl ein. Nach der Massage geht´s
weiter zum Bierstand - ja, als Finisher hat man ein schönes Leben. Aber
eben auch alles hart erarbeitet.
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Später hole ich
mir meine Soforturkunde, die erstaunlich schnell verfügbar ist und bemühe
mich, das wertvolle Stück ohne Knick aus dem Gefahrenbereich zu schaffen.
Am vereinbarten Treffpunkt mache ich es mir gemütlich und warte auf Til.
Der kommt dann auch schon bald. Hart hat er es gehabt, hätte am liebsten
aufgehört. Und das sagt mit Til! Ich kann mir denken, wie schwer es war,
weiss, wie hart es ist, mit Schmerzen zu laufen. Am Verpflegungspunkt bei km30,
wo wir uns verloren, hatte er eine kleine Gehpause eingelegt und danach nicht
mehr in einen vernünftigen Laufrhythmus gefunden. Immerhin - trotz aller
Schmerzen hat er es dann noch knapp unter vier Stunden geschafft!
Geschafft, aber beide glücklich machen wir uns auf den Heimweg, fahren mit der U-Bahn zurück nach Kreuzberg. Hier ist erst mal eine lange Dusche fällig, danach ausruhen, ausruhen, ausruhen. Abends gehen wir noch eine Kleinigkeit zu dritt essen, müssen allerdings noch am gleichen Abend mit dem Zug zurück nach Köln. In einem völlig überfüllten und kalten ICE fahren wir zurück nach Köln, wo wir ziemlich geschafft ankommen. Ich fahre von hier aus zu meiner Freundin nach Hürth, Til fährt weiter nach Aachen. Damit liegt das Erlebnis "Berlin-Marathon 2000" hinter uns. Und in mir ist wenig später bereits die Lust geweckt, diese Saison noch einen Marathon zu bestreiten. Sieben Wochen später fahre ich mit Torsten zum Euro-Marathon Frankfurt...