Zur
Route: Der Heilbronner Weg ist der wohl hochalpinste Höhenweg
im Allgäu und verbindet auf etwa 2500m verlaufend die Rappenseehütte
mit der Kemptner Hütte. Allerdings befinden sich die Sicherungen nur
auf dem Wegstück zwischen Steinscharte unterhalb des Hohen Lichts und
der Bockkarscharte. Wird er bei Schlechtwettereinbrüchen zu einer ernsten
Herausforderung, hatten Oliver und ich bei unserer Begehung 2000 wahres Traumwetter.
1995 ging ich das Teilstück zwischen Waltenberger Haus und Kemptner Hütte
und machte den Abstecher auf die Mädelegabel. 1997 ging ich dann das
eigentliche Kernstück zwischen Waltenberger Haus und Rappenseehütte.
Nun, bei bestem Wetter, den gesamten Weg, allerdings auch mit entsprechenden
Übernachtungen auf den jeweiligen Hütten, die ich mir in den vorangegangenen
Jahren gespart hatte.
geologische Informationen zum Heilbronner Weg gibt es hier.
|
|
Freitag
- Fahrt nach Oberstdorf & Aufstieg zur Rappenseehütte
Samstag
- Besteigung des Hohes Lichts und Begehung des Heilbronner Weges bis zur Kempner
Hütte
Sonntag
- Abstieg zur Spielmannsau & Rückfahrt nach Mönchengladbach
|
|
Früh
morgens um kurz vor 5 Uhr klingelt mein Wecker. Schlaftrunken wanke ich aus
dem Bett, wach genug um zu wissen, was heute für ein Tag ist. Heute geht
es in die Berge! Endlich wieder, zum ersten Mal seit drei Jahren, wenn auch
nur für eine Tour - den Heilbronner Weg. Nachdem Andrea und Oliver die
vergangene Woche auf Teneriffa geflittert haben, haben Oliver und ich uns
darauf geeinigt, diesen Kurztrip zu unternehmen. Das Wetter und die weiteren
Aussichten sind bestens, die Zeichen stehen also gut!
Ich bin gerade beim Frühstück, als Oliver durchklingelt, um sich
zu vergewissern, dass ich auch wirklich wach bin und nicht verschlafe. Die
restlichen Sachen sind schnell gepackt und pünktlich um 6:00 Uhr steht
mein frisch gebackener Schwager auf der Matte. Es kann also losgehen.
Über die A61 fahren wir bis zum Autobahnkreuz Kerpen und von dort über
die A4 bis hinter Köln, wo wir auf die A3 wechseln. Wir kommen gut voran
und sind nach nicht einmal zwei Stunden in Idstein, wo wir kurze Zwischenstation
machen. Pflanzen tränken, Post durchschauen, Rucksack umpacken, Getränkeflaschen
füllen und schließlich noch beim Bäcker und Metzger einige
Kleinigkeiten für Fahrt und Tour einkaufen. Nach etwa einer Stunde geht
es weiter. Über A3 und A7 nähern wir uns dem Allgäu und etwa
ab dem Autobahndreieck Allgäu sind in der Ferne schemenhaft die ersten
Gipfel zu erkennen. Schnell ist auch der erste markante Gipfel identifiziert:
der Grünten, Hausberg Sonthofens, mit seinem markanten, weithin sichtbaren
Sendeturm. Wieder wird klar, warum man den Grünten auch "Wächter
des Allgäus" nennt, trotz seiner bescheidener Höhe.
Über
die A 890 nähern wir uns rasch Oberstdorf. Unterwegs kann ich auch einige
Blicke auf die Hindelanger Berge erhaschen. Iseler, Hirschberg, Imberger Horn,
Breitenberg, Rotspitze und Daumen - für einen Moment lang habe ich zu
tun, meine Freudentränen hinunter zu schlucken. Dann schwinden die Hindelanger
Berge unseren Blicken und machen die Sicht frei auf unser Ziel - den Allgäuer
Hauptkamm mit der Mädelegabelgruppe.
Gegen 13 Uhr haben wir einen Parkplatz am Ortsrand gefunden, ziehen uns rasch
um und machen uns auf den Weg zum Busbahnhof, von wo wir einen Bus nach Birgsau
nehmen wollen. Der nächste Bus geht erst um 13:30 Uhr, Zeit genug also,
um noch etwas Obst und den Gipfelschnaps zu kaufen. Wir schlendern durch die
Straßen und bei mir kommen Erinnerungen an meinen letzten Aufenthalt
in Oberstdorf auf.
Um halb zwei lösen wir also die Tickets, die uns ins Stillach-Tal nach
Birgsau (956m) bringen. Unterwegs steigen die Leute ein und aus, bis in Birgsau
schließlich jene übrig bleiben, die für den Tag wie wir auch
noch einen Hüttenaufstieg auf dem Programm haben. Unterwegs kann ich
auch Blicke auf die wilde und unnahbare Gestalt des Schneck werfen. Ist er
an Höhe mit seinen etwa 2200 Metern nicht mehr als Allgäuer Mittelmaß,
so stellt er doch wegen seiner Unnahbarkeit eine der interessantesten und
schönsten Berggestalten in den Allgäuer Alpen dar. Ich glaube, dass
ich in diesem Moment, bei diesem Anblick beschlossen habe, einmal auf seinem
Gipfel zu stehen. Ich weiß wohl, dass jeder Anstieg absolut sicheres
Gehen und Schwindelfreiheit voraussetzt. Trotzdem gibt es auch einen recht
leichten Anstieg auf seinen begrünten Gipfel, der auch für mich
machbar sein sollte.
![]() |
Nach zwanzigminütiger Fahrt erreichen wir Birgsau und beginnen sogleich mit unserem Weg zum heutigen Tagesziel - der Rappenseehütte, auf 2093 Metern gelegen. Die Sonne ist doch recht warm und wir kommen recht bald ins Schwitzen, auch wenn sich der erste Teil des Anstieges bis zur Kleinsiedlung Einödsbach recht flach gestaltet. In Einödsbach machen wir kurze Fotopause, weil man von hier einfach einen herrlichen Blick auf die Mädelegabelgruppe mit Trettachspitze, Mädelegabel, Hochfrottspitze und Bockkarkopf genießen kann.
Das
sogenannte Dreigestirn der Allgäuer Alpen mit Trettachspitze, Mädelegabel
und Hochfrottspitze.
Die Lamas,
die hier früh morgens üblicherweise rumlaufen, sind nun verschwunden,
wahrscheinlich wegen der noch vorhandenen Tagesgäste. Hinter dem Gasthof
überholt uns ein Mädel, die wir während unseres Aufstieges
noch häufiger sehen werden. Zügiges Tempo!
Alsbald geht es steiler bergan und wir haben in der sehr warmen Nachmittagssonne
mächtig mit den Schweißperlen zu kämpfen. Trotzdem, das Gefühl,
endlich wieder in den Bergen unterwegs zu sein, ist einfach herrlich.
Jeder läuft während des Aufstieges sein eigenes Tempo, was dazu
führt, dass ich immer etwas voraus steige und ab und an Oliver nachkommen
lasse. So
ist es besser, als wenn sich einer mühsam an das Tempo des anderen gewöhnt.
Wir
kommen recht gut voran und lassen das Tal immer weiter unter uns. Gegen kurz
nach 16 Uhr erreiche ich die Enzianhütte auf 1804 Metern, unser Zwischenziel,
wo wir erst einmal gemütlich rasten wollen. Da Oliver noch nicht da ist,
nutze ich die Gelegenheit, noch ein paar Bilder zu machen. Gerade der Blick
talauswärts nach Oberstdorf und Sonthofen ist beeindruckend, aber auch
auf die auf der anderen Talseite liegenden Schafalpenköpfe, die Gipfel
des Mindelheimer Klettersteiges.
Klar, dass wir unseren bisherigen, recht schnellen Aufstieg mit einer zünftigen
Radlermaß begießen, die uns Friedl ausgibt. Was für ein Genuß
nach 850 Höhenmetern Aufstieg! Ich eröffne ein neues Tourenbuch,
wo sogleich der erste Hüttenstempel Eingang findet und kaufe noch ein
paar Postkarten. Draußen haben wir rasch einen neuen Freund gefunden:
ein kleiner Buab, der wohl zum Hüttenpersonal gehört und uns genauestens
seine Sonnenbrille erläutert.
Nach etwa dreiviertelstündiger Pause machen wir uns auf den Weiterweg
zur Rappenseehütte. Zunächst recht flach queren wir die Hänge
unterhalb der Hütte und steigen schließlich nochmals in steileren
Serpentinen bergauf und haben schließlich nach einer weiteren knappen
Stunde die Hütte erreicht.
Als erstes gibt es natürlich ein kühles Getränk und die wohlverdiente
Ruhepause. Ich hänge mein völlig durchgeschwitztes T-Shirt zu den
anderen, die bereits zum trocknen in der Sonne liegen. Oliver kümmert
sich später um zwei Nachtlager, die wir dann auch im renovierten Anbau
der Hütte einnehmen. Nachdem wir uns umgezogen und frisch gemacht haben,
gehen wir nach draußen. Heute ist Grillfest auf der Hütte und so
gibt es auch für uns Kartoffelsalat und Grillwurst, dazu natürlich
das obligatorische Bier. Wir setzen uns etwas abseits der Hütte, um ein
wenig Ruhe zu haben und den wunderschönen Blick hinab ins Tal genießen
zu können. Das Essen ist wirklich lecker, allerdings ist eine enorme
Menge an Zwiebeln unter den Salat gemischt. Wozu das in der Nacht (!) oder
spätestens am nächsten Tag führt, ist uns natürlich klar!!!
![]() |
Inzwischen
ist auch in den Bergen das Zeitalter der Kommunikation vollends eingezogen
- jeder Zweite scheint mit seinem Handy vor der Hütte seine Runden zu
drehen, auf der Suche nach gutem Netzempfang. Schon ein seltsamer Anblick
und ein kaum zu glaubender Wandel seit meinem letzten Bergurlaub. Ich kann
mich nicht erinnern, vor drei Jahren auch nur einen Bergwanderer mit Handy
gesehen zu haben. Na ja, solange die Dinger nicht nachts klingeln und piepen!
Allmählich geht die Sonne unter und ich nutze die Gelegenheit, einige
schöne Momente auf Dias zu bannen. Dann ist es irgendwann völlig
finster, obwohl die Hüttenruhe um 22 Uhr noch fern ist. Wir setzen uns
auf eine Bank auf einer nahe gelegenen Anhöhe und reden
Es ist schon spät, da kommt eine Gruppe junger Leute zu uns und setzt
sich an den Tisch. Wir kommen gleich ins Gespräch, bei dem ich mich allerdings
etwas zurück halte. Nach meinem Bierpensum des heutigen Abends kann ich
zwar noch klare Gedanken fassen, aber die Koordination der Sprachausgabe leidet
inzwischen doch. Und das muß ja nicht gleich jeder mitkriegen! Na wenigstens
kann sich Oliver noch klar artikulieren. Schließlich verabschieden wir
uns auch von der Gruppe. Die werden am nächsten Tag den gleichen Weg
vor sich haben, so dass wir uns sicher noch begegnen werden.
Die
Rappenseehütte im letzten Abendlicht.
Müde stolpern wir kurz vor 22 Uhr in unser Nachtlager. Überall sind die Lampen erloschen, so dass alles mit Vorsicht gemacht werden muß. Es soll eine unruhige Nacht werden, denn wenn man nicht vor den ersten Schnarchern eingeschlafen ist ...
|
|
Um sechs
Uhr in der Früh meldet sich mein kleiner Wecker an der Armbanduhr.
Gott sei Dank ist diese Nacht zuende! Ich habe nur etappenweise schlafen
können und mußte einmal im stockfinsteren raus auf die Toilette,
in der natürlich auch kein Licht brannte. Also bleibt einem nichts
anderes, als in die Dunkelheit zu pissen und sich akustisch von der Zielsicherheit
zu überzeugen. Glücklich sind da die, die eine Taschenlampe dabei
haben und diese nicht daheim vergessen haben.
Auch am nächsten Morgen noch brennt nirgendwo Licht. Aber die Sonne
kommt halt langsam zum Vorschein und spendet ein bescheidenes Maß
an Helligkeit. Auch Oliver ist irgendwann wach und muß mir mitteilen,
dass auch ich zu den nächtlichen Schnarchern gehört habe. Zum
einen ist mir das unangenehm, zum anderen hätte es nichts geändert,
wenn ich nicht geschnarcht hätte. Also kein Grund zu peinlicher Röte!
Um 6:30 Uhr sitzen wir beim Frühstück. Jeweils eine Scheibe Grau-,
Schwarz- und Knäckebrot mir Marmelade, Käse und Aufschnitt. Dazu
einen halben Liter Milch. Schon interessant, was andere Leute so den Berg
mit hinauf bringen: Besteck, die eigenen Teller... Und erscheinen beim Frühstück
mit sauber gelegten Haaren und wahrscheinlich frisch aufgelegtem Nagellack.
Na, jeder wie er will!
Um 7:11 Uhr ist es soweit: Aufbruch!
Wir reihen uns in die aufsteigenden Gruppen ein, die langsam bergauf steigen.
Obwohl die Luft, zumal wir an der Nordseite und damit im Schatten steigen,
zu dieser frühen Stunde noch sehr kühl ist, habe ich mich gleich
nur für T-Shirt und kurze Shorts entschieden. Ich weiß, dass
ich auch so schnell warm werde und ins schwitzen komme. Allmählich
steige ich voran, will meinen Rhythmus finden. Hier und da überhole
ich Bergsteiger. Meine Kondition hat sich gefestigt, seit ich vor zwei Jahren
mit dem joggen angefangen habe. Ich würde gar nicht mal behaupten wollen,
dass ich jetzt schneller bin, als früher. Aber ich bin bei etwa gleichem
Tempo nicht so schnell außer Puste wie früher.
Der Abstand zwischen Oliver und mir wird langsam größer. Trotzdem
steige ich voran. Jeder von uns kann auf sich selbst aufpassen, zumal ja
genügend Wanderer unterwegs sind. Und unsere Vereinbarung, dass jeder
sein persönliches Tempo gehen sollte, ist in einer solch kleinen Gruppe
wie bei uns eine vernünftige Lösung. Spätestens wenn der
Gipfelaufstieg vom Heilbronner Weg abgabelt, werde ich auf Oliver warten.
Das Hohe Licht, unser erstes Ziel ist schon längst zu sehen. Gut ist
der Weg zu erkennen, der zuerst nur mit mäßiger Steigung die
Bänder der Nordwand quert und schließlich am westlichen Rücken
des Berges zum Gipfel leitet. Die Verhältnisse sind ohnehin sehr gut,
die Schneefelder fast völlig abgetaut. Vor drei Jahren hatte ich, in
der entgegengesetzten Richtung gehend weit mehr Schnee, noch beim Abstieg
zur Rappenseehütte. Das letzte Stück zur Weggabelung ist noch
mal steiler und führt in engen Serpentinen höher. Ich habe zwar
meine Skistöcke dabei, will sie aber nicht benutzen, um absichtlich
meine Beinmuskulatur zusätzlich zu belasten. In zwei Wochen findet
der Berlin-Marathon statt, an dem ich teilnehmen will und so sehe ich in
unserem Ausflug auch eine willkommene Gelegenheit für ein Langzeit-Ausdauertraining.
An der Weggabelung, die um 8:06 Uhr erreicht ist, machen wir kurz Trinkpause.
Oliver hatte zuerst vor, die Rucksäcke hier zurückzulassen. Mir
ist dabei aber dann doch nicht so wohl und so steigen wir mit vollem Gepäck
weiter. Kurz vor uns geht ein Vater mit seinen beiden Kindern, wobei das
ältere Mädchen sicher nicht älter als zehn Jahre ist. Eine
ganz tolle Leistung, zumal die drei wie wir noch den Heilbronner Weg gehen
werden und wir die drei so noch häufiger sehen werden.
|
|
![]() |
Als wir
die Nordwand gequert haben und wir den breiteren Gipfelrücken erreichen,
wird urplötzlich die Sicht nach Süden frei. Was für eine
Sicht! Unglaubliche Bilder prasseln da auf mich ein, die ich zuerst gar
nicht verarbeitet kriege. Ich höre mich nur "Wahnsinn!" sagen.
Und das bei diesem Traumwetter! Wie schön wird da wohl das Gipfelpanorama
sein?
Das jetzt mein Puls steigt, ist auch diesem grandiosen Panorama zu verdanken.
Über grobe Bänder, ähnlich wie am Westdach des Hochvogel,
geht es rasch höher, wobei zwischenzeitlich schon mal das Gipfelkreuz
zu sehen ist. Zum Schluß dann doch außer Puste erreiche ich
um 8:36 Uhr den Gipfel des zweithöchsten Allgäuer Gipfels und
schaue fassungslos in die Runde. Ich lasse ein Gipfelfoto von mir machen,
darauf bestehend, dass der Hochvogel mit aufs Foto kommt. Der Hochvogel,
der sich gerade von hier als elegant aus dem Gipfelmeer aufsteigende Pyramide
zeigt, ist und bleibt mein absoluter Traumgipfel.
Einige Minuten später ist
auch Oliver ganz oben. Wir schauen in die weite Runde und lassen unseren
Blick über die zahlreichen Gipfel der Lechtaler und Allgäuer Alpen
wandern. In der Ferne das massige Zugspitzmassiv. Bergkette an Bergkette
reiht sich aneinander bis hin zu den gletscherbedeckten Gipfeln Tirols.
Weit weit in der Ferne vermute ich das Ortlermassiv zu erkennen, das wohl
auch von hier aus zu sehen sein soll. Wenn nicht bei solchem Wetter, wann
dann?
am Gipfel des Hohes Lichts, hinten links der Hochvogel.
Mit
uns am Gipfel ist auch ein braun-gegrillter Führer, der seine Gruppe
hier hochgepeitscht hat. Auch sie werden wir noch bis zur Kemptner Hütte
einige Male wiedersehen. Oliver und ich haben nur Unverständnis für
diesen Typen übrig, der aufgrund seines Tempos niemals alle Mitglieder
seiner Truppe unter Kontrolle haben kann.
Nach der Gipfelrast, bei der natürlich auch der in Oberstdorf gekaufte
Obstler zum Einsatz kommt und wir uns ins Gipfelbuch eintragen, steigen
wir wieder ab und haben nach gut zwanzig Minuten (!) wieder die Weggabelung
erreicht. Irgendwo dort kommt uns auch die Gruppe entgegen,
die wir gestern Abend kennen gelernt haben. Sie wollen
auch noch aufs Hohe Licht. Kurz hinter
der Gabelung, als es dann also auf den eigentlichen Heilbronner
Weg
geht, das erste kleine Schneefeld. Die vor uns gehende
Gruppe macht mir wieder klar, dass nicht jeder auf diesen Weg gehört,
der nun einmal mehr als einen normalen Höhenweg darstellt. Sichtlich
unsicher tasten sich einige Mitglieder der Gruppe über den harten Firn
und lassen uns auch danach passieren.
Ich habe mir vorgenommen, möglichst keines der angebrachten Seilsicherungen
zu benutzen. Sicher eine kleine Eitelkeit von mir, aber auch die übernommene
Philosophie Reinhold Messners, Routen am Berg "frei" zu klettern
bzw. zu begehen. Die Freikletterei, die Messner revolutionierte, besagt,
dass man, wenn überhaupt, nur dort Sicherungen anbringt, wo dies vom
Berg möglich gemacht wird. Haken setzen also nur dort, wo es ohne Bohrmaschine
geht. Nun ja, so heftig würden wir es freilich nicht an einem Heilbronner
Weg antreffen, aber klein anfangen konnte ich ja wenigstens. Ich wollte
einfach nicht angewiesen sein auf die Stahlseile, wo doch der Fels selbst
genügend Griffe und Tritte hergab. Ich wollte meinen Gleichgewichtssinn
und meine Sicherheit trainieren, indem ich mich eben möglichst nur
mit den Füßen fortbewegte und die Hände nur nötigenfalls
zur Hilfe nahm. Es war ein herrliches Gefühl, mit dem Berg eins zu
werden und den Einklang mit der Natur zu fühlen. Wenn ich manche Leute
sah, wie sie wie Ameisen über den Berg krabbelten und sich sichtlich
noch mehr Arme und Beine wünschten, um sich irgendwo festkrallen zu
können - solche Leute sollten sich vielleicht doch erst am Iseler versuchen.
Recht bald, schon
nach zehn Minuten war ich am "Heilbronner Thörle", einem
schmalen Felsspalt, durch den man halt durch muß. Wahrlich nichts
für Leute mit extremen Übergewicht. Aber auf jeden Fall immer
wieder ein dankbares Fotomotiv. Noch gingen wir im Schatten, aber bald würden
wir uns der Grathöhe nähern und dann auch in der Sonne gehen können.
Nach weiteren zehn Minuten und nun eben bereits in der Sommersonne gehend,
erreiche ich die "Leiter", die wahrscheinlich spektakulärste
Stelle des Weges. Die Leiter darf auf keiner "Heilbronner Weg"
- Postkarte fehlen, dabei ist es doch nun mal nicht mehr als eine stinknormale
Sprossenleiter, mit der man/frau einen Felsturm überwindet, der sonst
Kletterei verlangen würde.
![]() |
|
|
Na ja, auf jeden Fall lasse auch ich von mir ein Angeberfoto machen, das ja ach so gefährlich aussieht. Gleich nach der "Leiter" kommt dann noch die "Brücke", über die man dann auf den Steinschartenkopf in 2615 Metern Höhe gelangt. Ein klassischer "via ferrata" (in den Dolomiten gebräuchlicher Ausdruck für Klettersteig) ist das ja nicht, aber so ein bisschen Eisengeherei macht schon Spaß und verleiht der ganzen Route gleich etwas Wildheit.
Die
Brücke am Heilbronner Weg, hinten das Hohe Licht, ganz rechts der Biberkopf.
Auf dem Steinschartenkopf, den wir denn auch um 10:10 Uhr erreichen, machen wir noch mal kurze Rast und können es kaum glauben, dass wir vor einer Stunde noch auf dem Hohen Licht gestanden haben. Ein anderer Bergsteiger, der seines Weges geht, macht den Zwiebeln im gestrigen Kartoffelsalat unbeschwert Luft und lässt alles raus, was da eben nach draußen will. Wir werden es schon nicht weiter sagen.
Vom Steinschartenkopf
führt der weitere Weg erst mal wieder bergab zur Socktalscharte. Von
dieser leitet ein Notabstieg zum Waltenberger Haus hinab, den Andrea wohl
noch in schlechter Erinnerung haben dürfte. Im vergangenen Jahr haben
Oliver und Andrea diesen Weg bei weit mehr Schnee als jetzt als Abstieg
zur Hütte gewählt.
Der Abstieg zur Scharte gestaltet sich als steil aber gut zu gehen. Und
bislang gibt es auch nicht allzu viel Gegenverkehr auf dem Weg. So steigen
wir also den versicherten Weg hinunter bis zur Socktalscharte, die um 10:40
Uhr erreicht ist. Aufgrund des Platzmangels ist es kein besonders guter
Platz für einen gemütlichen Aufenthalt, so dass wir uns gleich
an den Weiterweg machen. Dem Abstieg folgt ein erneuter Aufstieg auf eine
erneute Erhebung, die ich zuerst für den Bockkarkopf halte. Erst als
oben angekommen bin, sehe ich, dass sich vor der Bockkarscharte noch ein
weiterer Berg aufbaut. Erst beim nächsten Gipfel kann es sich also
um den Bockkarkopf handeln, von
welchem der Weg dann zur
gleichnamigen Scharte hinableitet und das Ende des Kernstücks
des Heilbronner Weges markiert. Ein junges
Pärchen kreuzt unseren Weg und allem Anschein braucht sie eine Pause,
was er aber einfach ignoriert. Sie kontert nur mit der Bemerkung, dass sie
sicher am Ende des Urlaubes fünf Kilo abgenommen hat und ihre Cellulites
bereits jetzt besser geworden sei - na, so schlimm kann es bei ihr nicht
sein!
|
|
Wir
nehmen also einen erneuten Abstieg in Angriff, der uns auf der Nordseite
wieder einige Meter hinab führt. Auch hier sind zahlreiche Drahtseil-Versicherungen
angebracht, die helfen sollen, die etwas steileren Passagen problemlos überwinden
zu können. Alsbald geht es wieder bergauf und der Gipfel des Bockkarkopf
(2609 m) ist bereits zu sehen. Oben nutzen viele Leute den schönen
Aussichtspunkt für eine Mittagsrast und auch besagter Führer trifft
bald mit seinen Mannen ein. Es ist nun 11:20 Uhr.
Von hier
lässt sich recht gut der Heilbronner Weg überblicken, zum einen
zurück Richtung Hohes Licht, zum anderen der weitere Wegverlauf Richtung
Mädelegabelgruppe.
Blick
Richtung Nordosten und den weiteren Wegverlauf!
Oliver und ich
stärken uns bei einem wunderschönen Blick mit Brot und Jägerli.
Tief unten ist das Waltenberger Haus zu sehen und in der Runde zeigen sich
die Gipfel unter einem nach wie vor wolkenlosen Himmelsblau. Nach und nach
kommen immer mehr Leute auf den Gipfel und schließen sich dem Gedanken
an, hier oben die Mittagsrast zu verbringen. Ich dränge etwas zum Abstieg,
da es mir hier oben allmählich zu voll wird. Wenn ich eins nicht leiden
kann, dann sind es lärmende Menschenmassen auf einem Berg. Auf der
Hütte ist lautes Gelächter ja okay, aber hier oben stört
das nur. Die geführte Gruppe macht sich auch wieder zum Weitermarsch
bereit, so dass ich mich beeile,
den Rucksack aufzuschnallen. Ich möchte nicht in einer solchen Gruppe,
die im Schnitt doch langsamer gehen als wir, bis zur Bockkarscharte gefangen
sein. Kurz nach zwölf steigen wir zur Bockkarscharte ab. Im Eile des
Gefechtes versteige ich mich zu Beginn
des Abstieges ein wenig, was mich in lockeres Geröll abseits des rot
markierten Weges bringt. Allerdings zeigt sich so wieder, dass die meisten
der Gruppe hinter mir wahrscheinlich tatsächlich nicht allzu viel Erfahrung
in den Bergen haben.
Gedankenlos und ohne selber auf irgendwelche Markierungen zu achten, steigen
sie mir nach und merken dann auch, daß
sich der Steig einige Meter weiter rechts befindet. Irgendwie habe ich meinen
Spaß daran. Kleine Schadenfreude!
![]() |
An der Bockkarscharte, die nach zwanzig Minuten erreicht ist, lasse ich Oliver nachkommen und muß so auch die Gruppe an mir vorbei ziehen lassen. Aber Oliver hatte beim Abstieg natürlich auch keine Möglichkeit, die anderen zu überholen. Dafür ist der Steig hier viel zu schmal. Ich muß daran denken, das ich vor drei Jahren das letzte Mal diesen Blick gehabt habe. Damals habe ich auf dem Weg zum Waltenberger Haus einen Mann aus Bremen kennen gelernt, mit dem ich dann gemeinsam zur Scharte aufgestiegen bin. Hier haben sich unsere Wege dann getrennt, er ist weiter zur Mädelegabel und ich über den Heilbronner Weg zum Hohen Licht.
Blick
zurück Richtung Hohes Licht, rechts der Biberkopf.
Leider gehört
die Gruppe zu jenen Vertretern, die einen offensichtlich schnelleren Wanderer
auch dann nicht vorbei lassen, wenn man seinen Atem schon fast im Nacken
hat. Bleibt also nichts weiter, als an breiteren Wegstellen zu überholen,
will man nicht dauernd im Pulk laufen. Bald erreichen wir den Schwarzmilzferner
unterhalb der Mädelegabel. Kein Ferner (= österreichisches Wort
für Gletscher) im eigentlichen Sinne, sondern nur ein großes,
recht flach nach Süden abfallendes Schneefeld, das gequert wird. Entweder
man rutscht das leicht fallende Schneefeld hinab, oder man steigt, die Fersen
in den Firn hauend, hinunter. Erstere Variante ist sicher gemütlicher,
erhöht aber auch die Gefahr, auf dem Hosenboden zu landen und dabei
eine schlechte Figur zu machen. Passieren kann hier nicht viel, aber es
sieht halt dämlich aus, wenn man hinfliegt!
An der Abzweigung vergewissere ich mich bei einem Führer zur Sicherheit,
wohin die Wege führen: rechts geht es weiter zur Kemptner Hütte,
links auf den kleinen Sattel am Fuße des Mädelegabel-Ostgrates.
Der Führer meint so etwas zu mir wie: "Du hascht doch sicher schon
a Mädele, oder? Da muscht ja net hia noch nauf" Recht hat er,
und trotzdem: einerseits
würde ich gerne noch diesen Gipfel "mitnehmen", andererseits
will ich heute eventuell noch auf den Großen Krottenkopf. Und dann
wird die Zeit doch knapp, gehe ich jetzt noch auf die Mädelegabel.
Zumal ich für fünf Jahren bereits auf dem Gipfel gestanden habe,
wenn auch nicht bei so traumhaften Wetter. Also weiter zur Kemptner Hütte.
Leider fällt mir erst viel zu spät ein, dass der Name "Mädelegabel"
gar nichts mit "Mädel", also Mädchen zu tun hat, sondern
damit eine kleine Mähwiese am Fuße des Berges gemeint ist. Soviel
zur Etymologie des Berges.
Über
den ferner geht es noch ein Stück bergab, bevor wir wieder festen Boden
unter den Füßen haben. Oliver fragt schon, da er ohne Sonnenbrille
geht, wie lange es noch durch den Schnee geht, da er eine beginnende Schneeblindheit
habe. Na ja, Schneeblindheit wird es schon nicht sein, da hiermit eine extrem
schmerzhafte Entzündung der Bindehaut gemeint ist. Ich muß bei
seiner Bemerkung an Reinhold Messner denken, der sich bei der ersten Everest-Besteigung
"by fair means" 1978 eine schlimme Schneeblindheit zugezogen hatte,
da er zum fotografieren und filmen immer wieder die Schneebrille abgezogen
hatte und sich so der starken UV-Strahlung in diesen Höhen ausgesetzt
hatte. Aber ich weiß, was Oliver meint, denn die Reflexionen auf dem
Schnee sind doch ganz enorm und blenden das Auge eben sehr.
Rückblick
auf die Mädelegabel-Gruppe aus der Schwarzen Milz. Rechts die markante
Trettachspitze. Der Charakter wechselt von Schnee und Fels zu grünen
kargen Matten.
Nachdem wir nun
die aufregendsten Passagen des Heilbronner Weges hinter uns haben, steht
uns zunächst ein Abstieg zur "Schwarzen Milz" bevor. Recht
schnell verlieren wir an Höhe, immer schöne Blicke auf Krottenkopf
und Kratzer genießend. Als wir den Abstieg hinter uns haben, machen
wir zunächst einmal an einem kleinen Bach Pause, trinken. Ich habe
es mir zur Angewohnheit gemacht, mein Cappy, wenn sich die Gelegenheit bietet,
ins kalte Wasser zu tauchen. Das bringt Erfrischung und Abkühlung für
den Kopf, denn die Sonne brennt doch ganz ordentlich. Einige Leute scheinen
selbst jetzt noch in Richtung Heilbronner Weg aufsteigen zu wollen und müssen
nun in der Mittagshitze die Hänge zum Schwarzmilzferner hinauf. Ich
nutze die Bewegungsfreiheit, die wir hier haben, um meine Blase zu entleeren.
Der Weiterweg gestaltet sich nun etwas flacher, aber auch etwas eintöniger
- die spektakulärsten Abschnitte sind geschafft. Trotzdem bekommen
wir immer wieder schöne Eindrücke präsentiert. Auch der Rückblick
zu der hinter uns liegenden Mädelegabel-Gruppe (Bild links, für
die Bergnamen bitte Maus über das Bild führen!) lohnt immer wieder.
Allmählich bekomme ich allerdings Plattfüße, ich
bin das lange Wandern
in den Bergstiefeln nach
dreijähriger Abstinenz nicht mehr gewöhnt.
Konditionell habe
ich keine Probleme, aber die Fußsohlen verlangen halt nach sitzender
Tätigkeit. Na, die Biere heute Abend werden wir schon nicht im Stehen
trinken müssen!
So langsam
schwindet in mir auch der Wunsch, den Großen Krottenkopf noch zu besteigen.
Auch ihn kenne ich ja bereits von vor drei Jahren, hatte damals am Gipfel
aber leider viele Wolken und habe an sich nur im Nebel gestanden, so dass
ich die Allgäuer Nr. 1 gerne bei solchem Traumwetter wiederholen würde.
Ich rechne: Aufstieg alleine und mit nur leichtem Gepäck in maximal
zwei Stunden, Gipfelrast, Abstieg in anderthalb Stunden. Inklusive aller
Pausen wird unter viereinhalb Stunden wohl nichts gehen. Und da es in den
Bergen inzwischen beizeiten recht früh dämmert, müßte
ich schon kurz nach Erreichen der Hütte wohl wieder los. Das Ganze
würde dann doch mehr in Streß als in schönem Bergerlebnis
ausarten.
Irgendwann sind wir am Mädele-Joch (1974m) und sehen zum ersten Mal
die Kemptner Hütte, noch etwa 150 Meter unter uns liegend. Wir machen
nochmals Pause, setzen uns ins Gras und trinken den letzten Rest unserer
Getränke. Der Große Krottenkopf ist hier mit seiner mächtigen
Westwand der alles dominierende Gipfel. In Gedanken gehe ich die Route bis
zum Gipfel ab, doch innerlich habe ich wohl schon mit dem Gedanken abgeschlossen,
heute noch auf sein Haupt zu steigen.
Schließlich nehme ich das letzte Stück zur Hütte in Angriff,
während Oliver noch ein wenig rastet. Schnell nähere ich mich
der Hütte und bin nach weiteren 20 Minuten, um 14:53 Uhr, am Ziel des
heutigen Tages. Ich setze mich auf die Sonnenterasse, lege den Rucksack
ab und bestelle mir erst einmal zwei Halbliterbecher Skiwasser zum Durst
löschen. Nach einer Viertelstunde kommt auch Oliver und nachdem der
erste Durst gelöscht ist, besorgen wir uns ein Bett für die Nacht.
Während andere um ihre Lager kämpfen, bekommen wir als Alpenvereins-Mitglieder
zwei Betten in einem Sechsbettzimmer reserviert. Nach der unruhigen letzten
Nacht und dem anstrengenden Tag wollen wir heute nacht gemütlicher
und vielleicht auch ruhiger gebettet sein.
Da im Waschraum noch nicht allzu viel Betrieb ist, nutzen wir die Gelegenheit für eine Wäsche. Auch hier gibt es nur eiskaltes Wasser, was das Haare waschen schon fast zur schmerzhaften Sache macht. Trotzdem, hinterher fühlen wir uns frischer und wohler und können nun zum gemütlichen Teil des Tages übergehen. Obwohl es noch recht früh ist, bestellen wir uns schon jetzt unser Essen: selbstgemachte Flädle-Suppe und danach das heutige DAV-Mitgliederessen: Bockwurst mit Sauerkraut und Kartoffelpüree. Ungemein lecker, zumal wir ja auch den Tag über nicht viel gegessen, sondern mehr getrunken haben. Normalerweise würde ich einen solchen großen Teller nicht komplett verspeisen. Aber heute ...
Irgendwann sehe ich dann auch unsere Freunde vom Vortag auf der Terrasse sitzen. Wir setzen uns zu ihnen und erzählen von unseren heutigen Heldentaten. Während wir so unsere Bierkrüge leeren und teilweise echt Nachschub-Schwierigkeiten haben, weil sich zwischenzeitlich keiner so recht für unseren Tisch verantwortlich fühlt, unterhalten wir uns angeregt und haben viel zu lachen. Dabei kriege ich vor allem von Ruth interessante Tipps in Sachen Nepal. Sie hat unter anderem schon den Khumbu-Trek zum Kala Pattar im Sagarmatha-Nationalpark gemacht und die Annapurna umrundet. Sagarmatha ist das nepalesische Wort für Mount Everest und meiner Meinung
![]() |
nach sollte man auch
die hiesigen Namen pflegen. Sie sagen doch viel mehr aus als die erst viel
später vergebenen Namen der westlichen Entdecker.
Unsere Bedienung, die Tochter des Hüttenwirtes, hat wirklich alle Hände
voll zu tun. Ihr fröhlich-hektisches "Mögget ihr noch was?"
wird zum Ohrwurm des Abends. Irgendwann entschließen wir uns, den
kleinen Grashügel hinter der Hütte zu erklimmen. Nur Oliver und
Ruth halten die Stellung auf der Terrasse. So jagen wir also den Grashang
hinauf, der gerade im oberen Teil doch ganz schon steil ist. Da muß
ich mit meinen Romika-Trettern doch aufpassen, wo ich meine Füße
hinsetze. Oben haben wir noch mal eine nette Rundsicht und sehen aber auch
die dünne Wolkendecke in der Ferne. Daher läßt es sich auch
heute Abend vergeblich auf einen schönen Sonnenuntergang wie am Vorabend
warten. Allmählich wird es doch rasch dunkel und ich entschließe
mich zur Rückkehr zur Hütte. Die anderen kommen dann auch gleich
mit und wir merken, dass der Abstieg sich als
gar nicht so einfach gestaltet. Mit meinen Leinenschuhen diese steilen und
durch den abendlichen Tau inzwischen feuchten Grashänge hinab, und
zudem bei 80%-iger Dunkelheit muß ich doch sehr aufpassen, wenn ich
mir nicht noch rasch blutige Schürfwunden holen will. Erst weiter unten
wird es wieder flacher und schlußendlich haben wir es dann ja auch
alle heil hinab geschafft. Die weitere Trinkerei verlegen wir dann ins Innere
der Hütte. Oliver scheint ja noch in keiner Weise in Mitleidenschaft
gezogen, während ich merke, wie die Promille mit jedem "Humpen"
ansteigen.
gemütlicher
Abend auf der Kemptner Hütte. Links in gelb Oliver, ganz rechts ich.
Auch
merke ich an diesem Abend wieder, was für einen angenehmen Humor Oliver
hat. Ich komme auf jeden Fall gut mit ihm klar und habe schon jetzt viel
Spaß an diesem Wochenende gehabt. Zum
Schluß macht dann noch ein Schnaps die Runde, bis wir endlich bezahlen
und ins Bett dürfen. 7 Bier und 3 Radler (darunter ein Maß) stehen
auf unserem Zettel zu Buche.
Reichlich müde und beschwipst folge ich Oliver die Treppen hinauf ins
Schlafquartier, nachdem wir uns von unseren Freunden verabschiedet und uns
für den nächsten Morgen am Frühstückstisch verabredet
haben.
Ganz schön K.O. falle ich gegen 22 Uhr ins Bett!
|
|
Als morgens um 6:00 Uhr mein Wecker klingelt, überhöre ich diesen ganz ignorant und werde erst gegen 6:30 Uhr von Oliver mit einem netten Stoß in den Rücken geweckt. Das erste, was ich merke ist, dass ich mich ganz schön elend fühle. Hundemüde (woher wollen die Leute wissen, dass Hunde immer müde sind?) und mit einem Kater, den man auch nicht einfach von der Hand weisen kann. Zudem geben sich die Berge draußen bereits in Wolken gehüllt, was heute nacht, als ich zweimal Bier weggebracht habe, noch nicht der Fall war. Also ein rundum gelungener Morgen. Zumal im
![]() |
Vernebelter Blick
gen Tal.
Waschraum
Hochbetrieb herrscht und ich mir noch nicht mal kaltes Wasser ins Gesicht
kippen kann. Mein letzter Strohhalm, an diesem Morgen noch irgendwann wach
zu werden, hängt an Olivers Instant-Kaffee.
In der Stube wird schon eifrig gefrühstückt und als ich mir so
die Brote, die Milch und den Kaffe einverleibe, merke ich, wie sich mein
Zustand doch wenigstens etwas bessert. Unsere Freunde kommen natürlich
nicht wie verabredet um 7:00 Uhr zum Frühstück, sondern sind erst
soweit, als wir uns nur noch verabschieden können. Aber Adressen und
E-Mails sind ja ausgetauscht, so dass der Kontakt gegebenenfalls aufrecht
erhalten bleiben kann.
Wir packen
unsere Rucksäcke, suchen im Schuhraum unsere Schuhe zusammen und können
um 8 Uhr unseren Talabstieg beginnen. Inzwischen hat sich das Wetter weiter
verschlechtert. Regnen tut es zwar zum Glück nicht, aber die Wolken
reichen inzwischen bis zur Hütte hinunter. Um so verwunderlicher, dass
doch einige ihr Tagesprogramm in Angriff nehmen wollen und Richtung Heilbronner
Weg oder sonst wohin aufbrechen. Mit etwas wackeligen Beinen beginne ich
den Abstieg und merke, dass mir der Alkohol schon noch zusetzt. In einem
Bogen umrunden wir den Sperrbach-Tobel zur anderen Talseite hin und steigen
talwärts ab. Hier und da überholen wir andere Wanderer, unter
anderem unsere Zimmergenossen, die sich in der letzten Nacht auch fleißig
im Schnarchen geübt haben.
Im Mittelteil
der Strecke müssen wir ein Stück über die Schneebrücken,
die sich über dem Wasser aufgebaut haben, absteigen, was ich irgendwie
anders in Erinnerung habe. Unter Umständen sind bei den schweren Unwettern
im Frühsommer ganze Wegteile im wahrsten Sinne des Wortes den Berg
hinab gespült worden. Schließlich geht es aber wieder auf dem
normalen Weg weiter, der dann weiter unten über eine Holzbrücke
den Bach überquert. Hier unten ist die Sicht auch wieder gut, da wir
uns längst unterhalb der Wolkengrenze befinden. In Serpentinen geht
es durch den Wald teils steil bergab, bis wir abermals den Bach queren müssen.
Inzwischen ist auch der Talausgang in Sichtweite, lange dauert es nicht
mehr, bis wir den Gasthof Spielmannsau erreichen werden. Nach anderthalbstündigem
Abstieg haben wir die letzten Kehren genommen und den Talboden erreicht.
Noch ein paar hundert Meter geht es über die Fahrstraße das Trettachtal
talauswärts und um 9:30 Uhr sind wir an der Spielmannsau. Wir reservieren
uns zwei Plätze im nächsten nach Oberstdorf fahrenden Kleinbus
und stärken uns mit einer leckeren Milch. Nach etwa halbstündiger
Pause werden wir nach Oberstdorf gefahren. Kaum zu glauben, dass ich die
ganzen Kilometer bis Oberstdorf vor drei Jahren nach meinem Gewaltmarsch
auf den Großen Krottenkopf dann auch noch zu Fuß zurück
gelatscht bin. Aber die Warterei hatte mir damals wohl doch zu lange gedauert.
In Oberstdorf angekommen, machen wir uns mit zwei anderen Männern,
die wir an der Spielmannsau kennen gelernt haben, auf den Weg zum Parkplatz.
Wieder am Wagen ziehen wir uns rasch um und machen uns auch gleich auf den
Rückweg. Gegen 17 Uhr sind wir wieder in Mönchengladbach.
Abends falle ich doch recht müde ins Bett und bin froh, dass mir diese
schöne Tour noch diesen Sommer gelungen ist.